Pressestimme zu "Elternabend":
Tages-Anzeiger:
Ein Elternabend aus einem Mann allein
Zürich, Theater Neumarkt – Ein Mann versucht, Ordnung herzustellen aus einem Haufen von Stühlen, die vorne auf der Bühne quer ineinander verkeilt sind. Es ist der Schauspieler Mike Müller in seinem «Elternabend» am Theater Neumarkt, und die Stühle gehören den Sek-Schülern des Schulhauses Aemtler im Zürcher Kreis 3, in dem es eine Klasse gibt, deren sechzehn Schüler aus elf Ländern stammen. «Eine sozial superstarke Klasse», doziert Müller in der Rolle ihres Lehrers, diese «totale Durchmischung» sei «ein Traum» – wenigstens im Vergleich mit anderen Klassen, in denen die einzelnen Nationen zu stark vertreten sind, als dass es unter ihnen keine Reibereien geben würde.
Dieser «Elternabend», in mehr als einem Dutzend Rollen von Mike Müller solo gespielt, ist eine Spurensuche in die multikulturelle Realität eines Stadtteils, in dem viele Ausländer, aber auch noch viele Schweizer Mittelschichtler leben. Auch hier nicht ganz klar, wer sich eigentlich wo und bei wem integriert – und warum überhaupt. Die rund 30 Interviews, die Mike Müller und sein Bruder und Dramaturg Tobi Müller – freier Mitarbeiter des TA – im Umfeld des Schulhauses geführt haben, bringen nun aber keine Übersicht in die Integrationsdebatte, und schon gar keine entspannenden Meinungen.
Im Gegenteil und viel besser: Die entwaffnende Unübersichtlichkeit der Realität, an der einfache politische Parolen ein ums andere Mal abprallen müssen, verdichtet sich in einer kurzweiligen Stunde; und das Publikum hört einem tamilischen Schüler zu, der sagt, er könnte nie in Sri Lanka leben, da gebe es zu viele Tamilen. Auf Grossleinwand verweist der von Rafael Sanchez inszenierte Abend zwar immer wieder auf seinen reportagehaften Charakter, und doch ist er nicht einfach dokumentarisch. Er wird sozusagen scharf gestellt durch die präzise, oft auch hinterwitzige Montage der Originaltöne (die verschiedene Interviews auch schon mal in einer einzelnen Figur zusammenzieht). Aber auch durch diesen einzelnen, tollen Schauspieler, der mit virtuoser Leichtigkeit von Rolle zu Rolle springt, vom 16-jährigen Hiphop-Girlie zum besorgten Schulpsychologen und weiter zum Integrationsesoteriker – und der dann doch jede dieser Figuren mit Wucht und Gravitas ausfüllt. Aber auch mit der Menschenfreundlichkeit, die dem Thema und dem Zusammenleben im Kreis 3 angemessen ist.
So stehen die Stühle am Ende zwar entknäuelt auf der Bühne, ausgelegt aber einfach zu einem neuen, noch weitläufigeren Chaos. Und Mike Müller rappt zum Finale den ätzenden und doch so berührenden Monolog eines Schülers, der sich vom Kinder- und Jugendpsychologischen Dienst gegängelt fühlt. Dazu fährt die Kamera durchs angenehm besonnte Quartier wie für einen Gangsta-Clip aus dem bravsten Ghetto der Welt.
Christoph Fellmann